Islam, Demokratie und „Dialog"
Renaissance der Vormoderne im modernen Rechtsstaat
1. Islamdialog: Teile und Herrsche
In Sachen Islam zieht sich seit vielen Jahren eine öffentliche
Diskussion dahin, die in endlosen Arabesken um immer gleiche Fragen
kreist: Was ist der Islam? Wie verhält er sich zur Gewalt? Welche
Schlüsse lassen sich von seiner Geschichte auf die Gegenwart
ziehen? Welche Position soll der Westen dazu einnehmen? Welche Zukunft
hat die Demokratie in der islamischen Zuwanderung?
Während die Kette der Fragen beliebig verlängert werden könnte,
ist sie für den „Dialog mit dem Islam" bereits gänzlich geklärt.
Bei ihm handelt es sich um das, was man eine Begriffslegende nennt.
Zunächst verstand man darunter ein Gespräch, das mit den zuwandernden
Muslimen einen Konsens über die friedliche Koexistenz ihres Geltungsanspruchs
im säkularen Rechtsstaat herbeiführen sollte. Im Verlauf entpuppte
er sich allerdings als Kommunikationsform, die schrittweise den Charakter
eines Monologs, wenn nicht einer doktrinären Propaganda, annahm.
Geführt wird dieses einseitige Gespräch von Vertretern der
Politik, Bildung, Kirchen, Medien etc., die in ihren jeweiligen Bereichen
mit Zuwanderung und/oder Islam zu tun haben. Die Orientalistik als eigentlich
zuständige Wissenschaft verzichtete auf die Forschung in politisch
empfindlichen Sektoren wie die Historisierung von Koran und Prophetentradition
und verlegte sich auf entlegene, unverfängliche Einzelthemen. So
konnte sich eine Fülle selbsternannter „Islamexperten" etablieren,
die teilweise mit offiziellen Funktionen wie „Islamreferent(in)", „Ausländerbeauftragte(r)"
betraut sind und inzwischen einen bereichsübergreifenden Meinungsfaktor
bilden, den man in der Soziologie „Neo-Institution" nennt.
Obwohl aus den verschiedensten Bereichen wie Parteien, Kirchen, Medien
etc. stammend, entwickelten die Teilnehmer am „Dialog mit dem
Islam" eine gemeinsame Scheu, die Eigenheiten des Islam als
Ergebnis seiner Geschichte zur Kenntnis zu nehmen. Man begann, die
eigene Position zum politischen Anspruch dieser Religion und deren Konsequenzen
ins Unverbindliche zu ziehen. Es verfestigte sich die Tendenz, kontroverse
Tatsachen zu umgehen und die offene Diskussion allmählich durch
eine islamisch korrekte Weltsicht zu
ersetzen.
Es bildeten sich Sprachschablonen heraus, deren Hauptaufgabe darin
besteht, die kontroverse Diskussion zu vermeiden. Die wichtigsten
Floskeln laufen auf „den Islam" als eine Religion des Friedens
und der Toleranz hinaus, wobei diese Merkmale nicht naher erläutert
werden. Wer sie bezweifelt, indem er auf die Gewalt der islamischen
Geschichte und Gegenwart verweist, muß indessen die Erfahrung
machen, dass sich eine diffuse Sprache rasch zu Verschwörungsdenken
und unnachgiebigen Diktaten verhärten kann. Unvermittelt gerät
er zum Außenseiter, dessen Skepsis mit Begriffen wie „Polemik",
„Feindbild Islam" oder gar „Rassismus" stigmatisiert wird.
Oft erfolgt in diesem Kontext auch der Einwand, dass es „den Islam"
eigentlich gar nicht gebe, weil er in zahllose kulturelle „Facetten"
wie Mystik und allerlei Sekten zerfalle und keinesfalls mit dem
Islamismus zu verbinden sei. Dabei wird deutlich, dass die Dialogteilnehmer
ihre Konfliktfurcht nach außen, vornehmlich auf die kritische
Islamanalyse als vermeintliche Störerin des Friedens, projizieren.
Es entsteht schließlich ein MONOLOG, der keine wesentlichen
Unterschiede zwischen den beteiligten Kulturen erkennt. Wer sie dennoch
sieht, erscheint nicht nur als Rassist, sondern auch als jemand, der
wie es heißt, „Ängste" schürt, wobei es sich eher um
die Angst des „Dialogs" handelt, in Konflikt mit den Muslimen
zu geraten.
Diese Angst greift tief ins westliche Weltbild ein. Kirchlicherseits
hatte man schon in den 1960er Jahren die Vorstellung von dem „einen
Gott mit den Muslimen" erzeugt, eine neue religiöse „Wahrheit",
welche die Annäherung an koranische Positionen diktierte. Zu deren
Grundlagen gehört es zum Beispiel, Christus als Vorläufer
Muhammads und das Evangelium als „Schriftverfälschung" zu sehen.
Ab den 1970ern entstand das ergänzende Konzept des Multikulturalismus.
Die islamische Minderheit war generell zu tolerieren, ohne sie auf ihre
politischen Ansprüche zu prüfen. Zu politreligiösen Symbolfigur
dieser Anpassung avancierte Erzvater Abraham, obwohl er islamwidrige
Prinzipien verkörpert. Im Juden- und Christentum steht er für
den Wandel vom Nomadentum zur Sesshaftigkeit und die Anerkennung der
Frau als Person, beides Vorstellungen, die dem Islam zutiefst zuwider
sind.
Auch in den Universitäten zerstreuten Fachschaften wie Orientalistik
und Soziologie den Islam in „Facetten" isolierter Feldforschung, die
eine wissenschaftlich objektive Beurteilung blockierten. Häufig
tauchte dabei der Begriff der „Rekonstruktion" auf, mit sich historische
Fakten durch unscharf formulierte Meinungen ersetzen ließen. Problematische
Eigenschaften des Islam – z.B. die Fragen der Konfliktlösung
und Frauenrepression – lösten sich auf und wurden zu mosaikartigen
Wunschbildern „rekonstruiert", die der Öffentlichkeit angenehmer
erschienen.
Zwar ist damit nicht, wie Francis Fukuyama einst meinte, das „Ende
der Geschichte" erreicht, doch hat sich die Idee einer globalisierten
Geschichte durchgesetzt, in der sich die Kulturen auf eine Wurzel zurückführen,
zumindest in ihren Wesenheiten eher gleichen als unterscheiden. Entsprechend
scharf fiel der Reflex auf die These vom „Kampf der Kulturen" aus, mit
der Samuel Huntington kulturelle Bruchlinien, u.a. zwischen dem Islam
und dem Westen, ausmachte.
Immer klarer zeichnete sich dabei allerdings auch ab, dass sich das
rekonstruierte Islambild als konkretes Machtinstrument nutzen ließ.
In dem Maße, in dem die Dialogteilnehmer ihre problemlose Islamdeutung
zur Doktrin entwickelten, bedeutete ihre diktierte Toleranz den Verzicht
der Basisgesellschaft auf Mitspracherechte. Die muslimische Zuwanderung
wurde zum Vehikel, mit dem man sich illegitime Machtbefugnisse aneignen
konnte. Indem man kritische Fragensteller als die bekannte „Rassisten"
oder zumindest „Ausländerfeinde" abwehrte, ließen sich die
Prinzipien demokratischer Meinungsfindung unterlaufen. Wichtigste Bedingung
dieser Vorgehensweise war und ist die Blockade von Wissen über
den Islam, letztlich die gezielte Desinformation der Bevölkerung.
2. Cordoba – Löschung der Geschichte
Der „Dialog" verharrt nicht auf der Stufe einfacher, verbaler Irreführung,
sondern ergänzt seine Strategie durch eine systematische Ausblendung
der Geschichte. Die unscharfen, aber verbindlichen Begriffe erweisen
sich als nützlich, der europäischen Bevölkerung den „rekonstruierten"
Islam insgesamt als „kulturelle Bereicherung" zu präsentieren.
Danach verdankt sich der Geistesgang Europas weniger den eigenen Kulturwurzeln,
sondern historischen Impulsen des Friedens und der Toleranz, die ihm
die islamische Kultur verabfolgt hat.
Den größten Toleranzschub sollen die Europäer bereits
vor 1000 Jahren durch das Kalifat von Cordoba erfahren haben. Dieses
gilt als besonders liberal, weil es die Wissenschaft förderte und
dazu Juden und Christen beschäftigte. Die großen Philosophen
des Islam erscheinen als Exponenten dieser bereichernden "Tradition",
die zusammen mit den Übersetzern griechischer Texte die europäische
Renaissance und Aufklärung eigentlich erst ermöglichten.
Dabei finden zwei Sachverhalte kaum Erwähnung: Zum einen waren
ohne den Geist und die Steuerzahlungen der Juden und Christen weder
die Blüte des Cordoba- Kalifats noch die Übersetzung antiker
Texte denkbar, noch haben die Muslime selbst das liberale Denken verinnerlicht.
Gerade die Vertreter des rationalen Denkens machten mit der spanischen
Toleranzform harte Bekanntschaft. Dabei gerieten nicht nur die „Ungläubigen"
in Schwierigkeiten. Auch viele islamische Philosophen der Region landeten
im Gefängnis oder im vorzeitigen Grab. Die geduldeten Juden und
Christen galten dem Islam eher als verachtenswert, ebenso wie man ihr
Wissen und den Inhalt ihrer Übersetzungen zwar – soweit innerislamisch
nützlich – verwendete, aber nicht weiterentwickelte.
Der Mythos vom toleranten Cordoba-Islam wird durch einen Mythos christlicher
Intoleranz ergänzt. Wenn es um die Frage der Gewalt geht, heben
die Ideologen des „Dialogs" die Geschichte gänzlich auf. Geradezu
monolithisch beherrscht wird ihre positive Islamsicht durch die Kreuzzüge,
die man offenbar immer noch für eine akute Gefahr hält. Sie
hält man jedem entgegen, der islamische Gewalt erwähnt. Unter
Löschung eines Jahrtausends ragen die Kreuzzüge in die Gegenwart
und bewirken zwei radikalisierende Effekte: die Beseitigung islamischer
Gewaltgeschichte und die Verewigung europäischer Gewaltgeschichte.
Sie sind deutliche Anzeichen dafür, dass man die eigene Zähmung
durch Aufklärung und Moderne abstreifen und durch eine vormoderne
Kultivierung ersetzen möchte, die dem Islam zu verdanken ist.
Wer so vom Denken des Mittelalters beherrscht wird, lässt sich
auch von dessen Exponenten beeindrucken. Folgerichtig spielt Sultan
Saladin eine wichtige Rolle. Als eiserner Vertreter des Allahgesetzes
vertrieb er die Kreuzzügler und wurde in Lessings Nathan zur Ikone
moderner Toleranz, die keine islamische Intoleranz trüben darf.
Das islamische Lob, nach dem Saladin „die Erde vom christlichen Schmutz
reinigte", sowie sein Todesurteil für einen der größten
Geister des Islam überhaupt machten ihn zur westlichen Heilsfigur.
Es war der persische Lichtmystiker Al-Suhrawardi (gest. 1198), der neben
dem Glauben eine offene Entwicklung des Wissens gefordert hatte, damit
den Geist des Menschen aber so stark aufwertete, dass man ihn
mit Christus verglich und auf Saladins Befehl hinrichtete.
3. Allahs Recht auf Totalkontrolle
Worauf gründet nun eigentlich der Alleinstellungsanspruch der
Muslime? Was ist es, das sie historisch dazu brachte, ihre Minderheiten
als Minderwertigkeiten zu sehen? Das islamische Rechtssystem muß
von besonderer Beschaffenheit sein, wenn es offenbar geeignet
scheint, nun auch der demokratischen Rechtsordnung Probleme zu bereiten.
Fest steht, dass die Muslime in ein Werte- und Pflichtensystem gestellt
sind, das ihre Gemeinschaft universal erfasst und unter dem Begriff
„Scharia" inzwischen auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt
ist..
Von Kind an sind die Anhänger Allahs gehalten, die Vorschriften
ihres Gesetzes penibel zu erlernen, buchstabengetreu zu befolgen und
seinen Wirkbereich, vor allem gegen alles Nichtislamische, zu bewahren
und – wo immer möglich – auszuweiten. Der islamische Staat legitimiert
sich religiös – mit dem Koran als Verfassung – und duldet keine
dauerhafte Koexistenz mit Systemen, die Allahs Gesetzgebung nicht anerkennen.
96% der Islamstaaten (Ausnahmen: Türkei und Tunesien) folgen mit
über einer Milliarde Menschen dieser Maxime.
Dabei hat auch der koranische Schutzvertrag (arab.: dhimma) die Verdrängung
der jüdisch-christlichen Minderheiten nicht verhindert. Während
die Juden nahezu gänzlich verschwunden sind, aber in Gestalt Israels
die Feindbildliste anführen, sind die Reste der Christen nach wie
vor Ziel des dominanten Geltungsanspruchs. Noch immer werden sie in
Ägypten, Sudan, Pakistan, Indonesien und anderswo verfolgt und
langsam aber sicher dezimiert.
Um ihr universales Recht zu bewahren, müssen die Muslime alles
Wissen abwehren, das den Menschen befähigen könnte, sich und
seine Existenz außerhalb dieses politischen "Glaubens" zu stellen.
Das Gesetz Allahs bildet die integrale Lebensmitte der islamischen Heilsbotschaft
und der von ihr bestimmten Gemeinschaft. Die „Enzyklopädie
der islamischen Rechtswissenschaft", Krone der zeitgenössischen
Rechtsfindung und Richtschnur der Zukunft, sagt dazu in ihrer Einleitung:
Die Scharia ist der Königsweg, die gerade Straße. Allah
hat sie aus seinem Wissen gestiftet; er hat die Kenntnis von ihr auf
den letzten seiner Propheten herabgesandt und ihr so viel Kraft und
Beständigkeit zugemessen, dass sie ewig bleiben wird, geschützt
davor, sich zu Nichtigem oder zum Irrtum zu neigen … So wurde den Menschen
deutlich, dass die Scharia alle Angelegenheiten des Lebens, die überhaupt
auftreten können, umfasst, seien es solche des Glaubens und des
Ritus, seien es solche der Beziehungen der Menschen untereinander, der
Verwaltung, der Politik, der Gesellschaft … oder zwischen ihr und anderen
ihr friedlich oder feindlich gesonnenen Gemeinschaften. Dies alles regelt
die Scharia in einer Weise, die die Lösung der Probleme, die Abwehr
von Verwirrung und die Behebung von Schwierigkeiten gewährleistet
… (Nagel, Isl. Recht, 3)
Diese fundamentale Wertung ist die gedankliche Summe vergangener Generationen,
die das islamische Recht zur Basis einer politischen Religion gemacht
haben. Sie sahen und sehen dieses System u.a. als „göttliche Norm",
„Fundament des Glaubens", „Maß der Gedanken und Taten", also als
Grundlage spirituell, sozial und politisch angewandter Theologie. Allah
schützt dieses System mit den Körperstrafen (arab.: hadd=Grenze)
– Auspeitschung, Steinigung, Amputation und Enthauptung – die den Gläubigen
vor der Versuchung bewahren, vom Kodex des Erlaubten und Verbotenen
abzuweichen. Wichtige Basis für diese Grenzziehung ist die
Besetzung des Bewusstseins, die den Menschen vom Denken trennt und seine
Existenz nur in der Gemeinschaft zuläßt.
Für die Gleichschaltung ihres Bewusstseins durch das allumfassende
Gesetz, die der französische Philosoph André Glucksmann
mit „Klonierung" verglich, verwenden die Muslime selbst den Begriff
der „Ich-Abstreifung" (tadjarrud). Deren psychisch bedrängende
Wirkungen lassen sich kompensieren, indem man spirituell dem als „vollkommenen
Menschen" gedachten Verkünder Muhammad nacheifert oder aber auch
politisch den modernen radikalen Organisationen folgt.
Da der Verkünder selbst Radikalität vorlebte, wurde er zum
prägnanten Muster des Islam, d.h. Expansion mit religiös legitimierter
Gewalt, das seine Gültigkeit bis heute erhalten hat. Mit Muhammads
„Hidjra" (arab.: Auswanderung), dem Beginn der islamischen Zeitrechnung,
begann im Jahre 622 auch das „Modell von Medina". Die Urgemeinde
des Islam legte – in Raum und Zeit unveränderbar – die Grundlagen
für den Djihad, den Kampf gegen den „Unglauben", der zur Pflicht
wird, wenn die Muslime hinreichend stark sind. So versteht sich, wie
der deutsche Orientalist Tilman Nagel formuliert, "dass der Islam eben
nicht wie das Christentum sich in einem bestehenden Staat einrichtet,
sondern einen eigenen gründet".
Ursprung alles Denkens und Handelns ist nicht der Mensch, sondern Allah
als Schöpfer und Richter. Verstand und Menschsein beruhen auf der
Unterwerfung unter seine Vorschriften. Wer sie genau befolgt, spürt
„keinen Zwang im Glauben" (Koran 2/256) und ist umso mehr berechtigt,
im Unglauben die Missachtung des Rechts und damit das „Unrecht" an sich
zu sehen. Dessen Beseitigung bildet somit den Kern islamischer
Existenz. „Religionsfreiheit" besteht nur innerhalb der Glaubensregeln
und endet an den Grenzen der Scharia, deren Überschreiten Gewalt
auslöst.
Seit vielen Jahren erklären die höchsten Autoritäten
des Islam, die Azhar-Universität in Kairo und der Imam von Medina,
den „Dialog" mit Andersgläubigen zum – mit dem Tode bedrohten –
Abfall vom Glauben, wenn er sich nicht die Einsetzung der Scharia zum
Ziel macht. Andere Imame wie der Fernsehtheologe Qaradhawi sind eher
noch einflussreicher, indem sie die moderne Massenkommunikation zur
Verbreitung des orthodoxen Gewaltdenkens nutzen. Daß
Qaradhawi zugleich auch Berater des Fernsehsenders Al-Djazira ist, seinerseits
begehrter Partner westlicher Medien, zeigt die bleibende Sympathie des
„Dialogs" für die islamische Dominanzideologie.
Es leuchtet ein, dass die westlichen Menschenrechte, ein Wertesystem
personaler Individualität, die auch von Allah und seinen Interessenvertretern
nicht angetastet werden kann, hier nur geringen Spielraum finden. Im
Grunde sind sie buchstäblich nicht denkbar, ein totalitärer
Sachverhalt, der in der bisherigen Verfassung des „Dialogs" keine Beachtung
finden konnte.
Menschsein, das primär männlich verstanden wird, entsteht
durch den täglichen Ritus, den Dienst an der Rechtsgemeinschaft,
den Einsatz gegen den Nichtislam und die Kontrolle des Gehorsams der
Frau(en). Damit verbindet sich das Recht auf Koitusbereitschaft, die
als erworbene Funktion im kaufähnlichen Ehevertrag verbrieft
ist. Weil sie Bestand und Wachstum der Gemeinschaft sichert, ist sie
von eminenter Bedeutung. Sie steht im Range des Gottesdienstes, da der
Mann als befruchtender Stellvertreter Allahs auftritt, der sein Recht
auch züchtigend geltend machen muß. Die marokkanische Soziologin
Fatima Mernissi spricht wörtlich von der islamischen „Geschlechtskrankheit",
welche die Muslime kategorisch zwingt, die Gleichheit der Geschlechter
abzulehnen.
Die totalitäre Verbindung des Menschen mit der Gemeinschaft wird
auch in der Sprache deutlich. Ra’is heißt im Arabischen „Präsident"
und kommt von der Wurzel ra’s, die „Kopf" bedeutet, was im politischen
Führerprinzip wörtlich gemeint ist. Der Präsident eines
Staates wird wie der Kopf eines Körpers verstanden, ohne dessen
Nervenbefehle keine Handlung möglich ist. Im Gegensatz zur Demokratie,
in der der Präsident als gewähltes Oberhaupt die Beschlüsse
einer Versammlung durchführt, fungiert er in islamischen Staat
wie ein Gehirn, das auf der Basis des schariatischen Gesetzes die Gesellschaft
lenkt.
Hier schließt sich auch der Kreis zum Islam. Er bedeutet nicht
Frieden, sondern Unterwerfung unter das Gesetz, und zwar in einem Maß
der Unfreiheit, die an das faschistische Ideal erinnern mag: „Du bist
nichts, dein Volk ist alles". Im Zentrum steht ein umfassender Gehorsam,
der dem Präsidenten bzw. König als Vertreter des göttlichen
Gesetzes geleistet wird. Wer die menschengemachten Gesetze der Demokratie
anerkennt, verstößt nicht nur gegen die Scharia, sondern
hat im Grunde auch seinen Glauben verlassen.
Daß viele Muslime dem Pflichtenkodex nur teilweise folgen, hat
eher mit fehlendem Wissen über die Vorschriften als mit mangelnder
Unterwerfungsbereitschaft zu tun. Dies ändert nichts an der universalen
Geltung, die den muslimischen Gesellschaften ihre unverwechselbare Identität
aufgeprägt hat. Die islamische Intelligenz sieht ihn hingegen als
Gedankenkorsett, dem der Essayist Hischam Dschait, obwohl aus dem als
gemäßigt geltenden Tunesien stammend, eine vielzitierte Absage
erteilte:
Ich fühle mich erniedrigt, einem Staat ohne Visionen und ohne
Ambitionen anzugehören, der autoritär, wenn nicht gar despotisch
ist, wo es weder Wissenschaft noch Vernunft gibt, weder Schönheit
des Lebens noch wirkliche Kultur. Dieser Staat unterdrückt mich,
und in dieser provinziellen, bäuerlichen Gesellschaft ersticke
ich und ich leide darunter, von unkultivierten und unwissenden Führern
herumkommandiert zu werden. Als Intellektueller durchlebe ich eine Neurose
und es ist menschlich und legitim, dass ich mein Unbehagen auf die Gesellschaft
projiziere, aber es gibt eben auch die Revolten des Volkes, die bezeugen,
dass dieses Unbehagen nicht nur eine Konstruktion der Intellektuellen
ist (Mernissi, Islam und Demokratie, 78).
4. Islamgesetz als Demokratieproblem
Man könnte annehmen, dass sich im „Unbehagen" der gebildeten
Muslime an ihrem Staat das Unbehagen der Dialogteilnehmer widerspiegelt,
wenn es um Wissen und kritische Urteile über den politischen Islam
geht. Damit würden die „unwissenden" Führer des Islam wirksame
Helfer in den Führern des Dialogs finden, die das Wissen ablehnen.
Ihr gemeinsames Interesse besteht in der Förderung elitärer
Macht, damit logischerweise auch in der Verhinderung und Demontage von
Demokratie.
Solange man also dem Diaspora-Islam die Trennung der Religion vom Staat,
des Ritus von Recht erspart, könnte man ihn als Vehikel zur Auflösung
des Rechtsstaats einsetzen. So wie die Scharia die Mitbestimmung im
Islam blockiert, kann der „Dialog" das westliche Mehrheitsinteresse
durch sein Toleranzdiktat entmündigen. Je ungenierter hier die
westlichen Kräfte das Interesse des Islam vertreten, desto enger
lässt sich mit dessen diktatorischen Systemen kollaborieren. Das
saudische Königshaus bzw. seine wahhabitischen Organisationen,
aber auch die pseudo-demokratischen Islamisten der Türkei, befinden
sich längst auf einem rasanten Vormarsch in Europa.
Setzt sich diese Tendenz fort, wird der Rechtsstaat kaum vermeiden
können, sich islamistisch unterwandern zu lassen. In Deutschland
wurde bislang kein Muslim präsentiert, der die Geltung des Koran
und der Tradition des Verkünders als Quellen der Scharia öffentlich
geleugnet und seine Religion unbedroht verlassen hätte. Dieses
Defizit verstärkten Maßnahmen des deutschen Außenamtes,
das zahlreiche Visa an Islamisten erteilte und sich schützend vor
die als staatsfeindlich geltenden Al-Nur-Moschee in Berlin und Fahd-Akademie
in Bonn stellte.
Gleiches gilt für den türkischen Kampfkader der Milli Görüsh
(Nationale Weltsicht). Obwohl Staatsschützer ihn als Staatsrisiko
einschätzen, sehen ihn die Dialogführer in Politik und
Bildung bereits „auf dem Weg in die deutsche Demokratie". Auch
der sogenannte „Zentralrat der Muslime", der etwa 1,5% der Muslime vertritt,
gilt als ideale Repräsentanz des deutschen Islam. Dabei stört
nicht, dass dieser Verein an prominenter Stelle mit der radikalen Muslimbruderschaft
sowie mit Organisationen verknüpft ist, die sich u.a. mit Terrorfinanzierung
beschäftigen.
Der oft erwähnte „Euro-Islam" kann somit nicht durch die gemäßigte
Mehrheit der Muslime entstehen, die der „Dialog mit dem Islam" ohnehin
nicht zu Wort kommen lässt. Im Vordergrund stehen eher die radikalen
Kräfte, die kaum Mitgefühl für die westlichen Opfer islamischer
Gewalt aufkommen lassen. Nach wie vor verpflichtet der Gehorsam gegenüber
der Scharia zu schweigender Solidarität.
Dem „Zentralrat" erschien der Mord am holländischen Aktionskünstler
van Gogh als Reaktion auf eine „unnötige Provokation". Auch
die Antigewalt-Demonstration der DITIB, der türkischen Religionsbehörde,
kann bei dem enormen Einfluß der Erdogan-Partei eher als Instrument
der laufenden Beitrittskampagne verstanden werden. Die AKP hat nicht
nur die Armee, sondern auch die einst säkulare DITIB so islamistisch
unterwandert, dass sie der deutsche Staatsschutz ebenfalls unter die
Lupe nahm.
Wie gesehen, ist es der Dialog-Ideologie nicht erlaubt, westliche Toleranz
zu loben, geschweige denn islamische Intoleranz zu tadeln. Da der wachsende
Einfluß der Scharia eine ebenso wachsende Gewaltbereitschaft
der Muslime bewirkt, wird sie – wie schon der Islam selbst – verbal
zerteilt, indem es sie „eigentlich nicht gibt". Allerlei selbsternannte
„Islamexperten" lösen nun auch das Gesetz Allahs in ein unpolitisches
Kaleidoskop auf, das z.B. dem Theologen H. Bielefeldt zufolge lediglich
aus „verschiedenen Moralformen" besteht.
Damit versteht sich, dass bei Attentaten „der Islam nicht das Problem"
ist, und die Muslime, wenngleich zur Solidarität mit den Tätern
verpflichtet, vom sogenannten „Generalverdacht" befreit sind. Ihnen
wächst ein Generalvertrauen zu, das ihrem politischen Rechtssystem
Religionsfreiheit einräumt. Mit anderen Worten: Ein Staat, der
die Scharia toleriert, lässt eine autonome Rechtsgemeinschaft zu.
Der Bau von Moscheen und „Kulturzentren", derzeit mit Hochdruck vorangetrieben,
zementiert die zwei Säulen des orthodoxen Islam: radikale Indoktrination
und Frauenrepression.
Als Sicherungsinstanz der Scharia wird die Religionsfreiheit zum perspektivischen
Sprengsatz für die Demokratie. Je länger sie den islamischen
Dominanzanspruch unter religiösen Schutz stellt, desto weiter kann
die Demontage des Rechtsstaats fortschreiten. Der Abbau wird durch
die islamische Eigendynamik verstärkt. Denn die Muslime sind umso
mehr zum Einsatz für ihren Politglauben aufgerufen, je weiter er
in das abgelehnte Rechts- und Staatswesen vordringt. Hier verbinden
sich Islam und Islamismus zu einem untrennbaren Spektrum, in dem gemäßigte
Muslime in dem Maße zu radikalen Islamisten werden können,
wenn nicht müssen, in dem sich die Geltung der Scharia mit Moscheebau,
Islamunterricht, Kopftuch etc. ausbreitet.
Diese Entwicklung ist von fundamentaler Bedeutung für die Zukunft
von Staat und Gesellschaft in Europa. Wir fassen daher noch einmal zusammen:
Bedingung für die authentische Installation des Islam ist das Verbot
von Wissen und Forschung über das islamische Objekt sowie deren
Ersatz durch die Propaganda des „Dialogs". Diese dehnt die Religionsfreiheit
auf das politische Islamrecht aus, indem sich die universale Geltung
seiner Vorschriften zunächst in die bekannten „Facetten" auflöst.
Dergestalt durch unscharfe Begriffe vernebelt, können die Normen
des Islam dann umso konkreter ins Rechtswesen des demokratischen Staats
eindringen. Dieses Prinzip, das man auch „gerichtete Unschärfe"
nennt, ist auch Bestandteil der deutschen Verfassungsinterpretation.
Nach ihr ist es unstatthaft, die muslimische Minderheit „einer scharfen
Befragung zu unterziehen" (Hassemer, Toleranz, 24).
Indem eine solche Rechtssicht Kriterien zulässt, durch die sie
selbst überwunden wird, muß sie sich graduell der eigenen
Grundordnung entfremden. Mit Reflexformeln wie „Feindbild Islam" oder
„Rassismus" löst man sich von juristischen Normen und schwenkt
in die sektenhafte, vormoderne Schwarz/Weiß-Denkwelt des Islam
ein, die selbst Religionsfreiheit ablehnt. Die gemeinsame Wirkung läuft
auf eine politreligiöse Machtordnung hinaus, die eindeutig das
islamische Rechtssystem begünstigt. Die Alternative wäre eine
Harmonisierung der Rechtssysteme, die jedoch nur durch die Trennung
des Ritus vom Recht zu erreichen ist – als Basis für den gesellschaftlichen
Ausgleich und die Bildung demokratischer Institutionen.
Die Dynamik der „gerichteten Unschärfe" erzeugt eine wachsende
Konkurrenz um „islamische Korrektheit", mit der sich nicht zuletzt auch
erhebliche Finanzmittel verbinden. Die muslimischen Aktivisten
ergreifen die epochale Chance und treiben ihre Förderer in Politik,
Bildung und Kirchen zu ständigen neuen Zugeständnissen – vom
Kopftuch über Muezzinruf zu eigenen Feiertagen. Dabei ist einsehbar,
dass die Muslime im Wettbewerb um die Beseitigung des westlichen Wertesystems
ihrerseits um die Irreführung der „Ungläubigen" konkurrieren.
Bekannt unter dem Begriff der taqiya (arab.: Verstellung, Vorsicht)
gehört ein solches Vorgehen, das bis zur Leugnung des Glaubens
gehen kann, zur ideologischen Tradition des Islam.
Die Vertreter des „Dialogs" werden zu Gefangenen ihres Proislamismus,
indem sie in islamisch korrekter Spiegelung allmählich die Konturen
ihres Heilsobjekts annehmen. Ohne die kritische Islamanalyse zuzulassen,
eignen sie sich illegitime Kompetenzen an, indem sie unter Missbrauch
der Religionsfreiheit das islamische Recht in den Rechtsstaat einführen.
Mit dieser politreligiösen Strategie werden damit nicht nur für
die Demokratie, sondern auch für die muslimischen Liberalen zum
Problem. Diese haben sich längst mit den Frauen solidarisiert,
denn deren Unterdrückung bildet die Basis einer jeden Orthodoxie.
Lassen wir abschließend die weibliche Intelligenz des Gegenwartsislam
zu Worte kommen. Die erwähnte Fatima Mernissi kämpft gegen
das europäische Helfersyndrom, das seine – vorwiegend männlichen
– Teilnehmer „Dialog" nennen, und fordert den nüchternen Blick
auf den real existierenden Islam:
Die Bescheidenheit der … Frau ist der Schlüssel zu den politischen
Systemen ... So sind es doch die Frauen gewesen, die schon vor mehreren
Jahrzehnten zu ihrem entschlossenen und gefährlichen Marsch in
das Land der Freiheit aufgebrochen waren. Warum, so wird man fragen,
bilden gerade die Frauen diese abenteuerliche Avantgarde? Weil wir nichts
zu verlieren haben als unsere Ängste, unsere Masken und all die
verstümmelnden Auswirkungen der Absonderung und Einsperrung...
Unsere Befreiung muß über die Aufarbeitung unserer Vergangenheit
erfolgen … Die Frauen haben sich niemals zähmen lassen. Die Männer
glaubten, dass man sich an das Eingesperrtsein gewöhnen könne.
Die Frauen aber warteten auf ihre Stunde, die des Unterschieds in der
Würde, die der Teilnahme und die des Dialogs, und sie ist gekommen
(Mernissi, Islam und Demokratie, 200f., 203).
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