UND SIE BEWEGT SICH DOCH
Katholische Kirche und EKD verkünden das Ende der Blauäugigkeit
gegenüber dem Islam
"Wenn alle Institutionen
zweifelhaft
oder sogar anrüchig werden und man
selbst in den Kirchen nicht etwa für die Verfolgten,
sondern für die Verfolger öffentlich beten hört, dann
geht die sittliche Verantwortung auf den Einzelnen über."
Ernst Jünger, Der Waldgang.
Über viele Jahre konnte der zeitgeistkritische Christenmensch
ziemlich verzweifeln ob der Blauäugigkeit, mit welcher der Klerus beider
christlichen Kirchen die Ausbreitung des Islam in Deutschland und Europa
nicht etwa heldenmütig bekämpfte, sondern im devoten Geist vorauseilender
Dhimmitude
auch noch tatkräftig förderte. Da küßte Pontifex Johannes Paul II. demonstrativ
den gewaltverherrlichenden Koran und ließ in Assisi die Kreuze verhängen,
als Vertreter anderer Religionen zum interreligiösen Gebet anreisten.
Die evangelischen Kirchen in Deutschland predigten ohnehin seit Jahr
und Tag eine fast schrankenlose Toleranz gegenüber jedweder islamischen
Zumutung, wobei die Rituale des sogenannten "Dialogs" bisweilen Züge
einer Ersatzreligion für die feste Burg des christlichen Glaubens annahmen,
Stichwort "Chrislam".
Immer wieder für ein Kopfschütteln gut war dabei das fast schon pathologische
Ausblenden der totalitären Züge des Islam bei gleichzeitiger Beschwörung
von dessen angeblicher Toleranz - begleitet von trotzigem Schweigen
zu den Christenverfolgungen in den islamischen Ländern. Mit anderen
Worten, hier wurde - aus Gründen, die noch der Erklärung harren - ein
niedlicher Pseudo-Islam fern aller historischen Realität gebastelt und
so der Mehrheitsbevölkerung Sand bezüglich des langfristigen Gefahrenpotentials
der muslimischen Zuwanderung in die Augen gestreut. Kein Moscheebauprojekt
in Deutschland, wo nicht die örtlichen Seelsorger im Verein mit der
politisch-medialen Zuwanderungslobby zu den eifrigsten Unterstützern
solcher islamischer Machtdemonstrationen gehörten - in aller Regel gegen
den Mehrheitswillen der Bevölkerung. Dieser Mehrheitswille läßt sich
aus den nüchternen Zahlen einer Allensbach-Studie
aus dem Jahre 2004 erahnen:
"Den Islam empfinden die Deutschen als fremd und bedrohlich. Dies
zeigt das Ergebnis einer Frage nach den Assoziationen, die das Wort
'Islam' bei den Befragten hervorruft. Ganz an der Spitze der Aussagen
stehen 'Unterdrückung der Frau' (93 %), 'Terror' (83 %), 'fanatisch,
radikal' (82 %), 'rückwärtsgewandt' (66 %). Die ersten positiven
Assoziationen erscheinen, von weniger als der Hälfte der Bevölkerung
genannt, an sechster und siebter Stelle: 'Gastfreundschaft' (45 %),
'bedeutende kulturelle Leistungen' (39 %). ... Ganz am Schluß
der Liste, von 6 % angeführt, erscheint schließlich die
Assoziation 'sympathisch'. Statt dessen prägt das unbestimmte
Gefühl einer ständigen Bedrohung die Atmosphäre."
Was sagt es über den Zustand eines demokratischen Gemeinwesens aus,
wenn die Verant-wortlichen in Politik, Kirchen und Medien trotz solch
gravierender Vorbehalte und entgegen dem Rat maßgeblicher Experten die
Islamisierung der Gesellschaft unverdrossen weiter fördern oder fahrlässig
zulassen, ohne jeden Respekt gegenüber dem "Volk" als Souverän, dem
die Mitentscheidung über seine eigene Zukunft zynisch entzogen wird?
Der kritische Islamwissenschaftler Hans-Peter
Raddatz sieht hier den drohenden Übergang der Mehrheitsdemokratie
zur Diktatur der Minderheitsinteressen am sich verdüsternden Horizont
der Gesellschaft aufziehen und spricht in diesem Zusammenhang von der
Verantwortungslosigkeit der deutschen Eliten, welche der islamischen
"Kommando-Religion" die einmalige Chance "für den Zugang zu den
nationalen Ressourcen unter Täuschung der Basis-Bevölkerung
verschafft".
Das Interessante an obigen Zahlen ist freilich, daß die Deutschen sich
gar nicht so sehr täuschen lassen, wie die politisch-mediale Klasse
offenbar hofft. Denn das überraschendste Ergebnis der Allensbach-Studie
ist nicht das Ergebnis als solches, sondern daß sich das Islambild der
Bevölkerung unbeeindruckt von jahrzehntelanger Dauerpropaganda mitnichten
an dem Konstrukt eines angeblich durch und durch friedlich-tolerant-sympathischen
Pseudo-Islam orientiert, wie er ihr von den Herrschenden vorgegaukelt
wird. Ganz im Gegenteil. Wie die obigen Zahlen zeigen, folgt das Islambild
der Bevölkerung viel eher jenen Konturen, wie sie kritische Mahner wie
Hans-Peter Raddatz, Alice Schwarzer, Bassam Tibi oder der Grüne Rolf
Stolz von einer politischen Religion zeichnen, deren Ideologie auf einer
eigenen Staatsordnung beruht und die darauf abzielt, die Rechtsordnung
zu beseitigen, der sie ihre freie Ausübung im "Land des Unglaubens"
verdankt, während sie ihrerseits Religionsfreiheit im eigenen Machtbereich
kategorisch ablehnt.
*
Allerdings bekam die geschlossen proislamische Haltung der "Eliten"
nach dem aus dem Koran begründeten Massenmord vom 11. September 2001
zunehmend Risse, die sich mit jedem neuen Anschlag vertieften, der von
muslimischen Zuwanderern verübt wurde, die sich ausdrücklich auf das
Vorbild ihres "bewaffneten Propheten" beriefen, wie Machiavelli Mohammed
nannte, den einzigen Gründer einer Weltreligion, der als Gewalttäter
in die Geschichte einging und die Anwendung von Gewalt gegen Andersdenkende
religiös legitimierte.
Erstaunlicherweise waren die ersten großen Institutionen, die eine
vorsichtige Revision ihres bis dahin blauäugig positiven Islambildes
einleiteten die christlichen Kirchen, wenn auch zunächst eher auf die
oberen Ränge der Hierarchien beschränkt. So fand der damalige Präses
der EKD-Synode, Jürgen Schmude, in der WELT
vom 28. Februar 2002 deutliche Worte, nachdem der allseits hofierte
Islamistenführer Nadeem Elyas für seine Klientel erklärt hatte: "Die
Pflicht, . . . einen islamischen Staat zu errichten, ist Konsens." Schmude
stellte erheblichen Klärungsbedarf fest, denn: "In Deutschland hat
man die Erfahrungen mit Gruppierungen nicht vergessen, die sich nur
so lange an die Verfassung halten, bis sie die Mehrheiten zu ihrer Abschaffung
erreicht haben." Das waren durchaus neue Töne, die sich nun häuften.
So wunderte sich EKD-Ratsmitglied Robert Leicht im November
2002, "mit welcher Geduld wir den Anspruch von geistlicher und weltlicher
Herrschaft des Islam hinnehmen" und Peter Steinacker, Kirchenpräsident
der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau wandte sich gegen einen
allzu simplen Toleranzbegriff und mahnte eine auf geschärftem christlichen
Profil basierende Wahrheitsperspektive an, ohne die jeder Dialog mit
dem Islam nutzlos sei.
Aber auch der schwerfällige Supertanker Katholische Kirche - die älteste,
seit nunmehr fast 2000 Jahren durchgehend existierende Institution der
Welt - leitete noch unter der Ägide Papst Johannes Paul II. einen allmählichen
Kurswechsel ein. Im Oktober 2003 wurden zwei nahe beieinanderliegende
Ereignisse mit hoher Symbolkraft von Eingeweihten als Aufkündigung des
Waffenstillstandes mit dem Islam durch die römische Kirche gedeutet.
Am 18. Oktober 2003 veröffentlichte die Zeitschrift "La Civiltà Cattolica"
einen überraschend scharfen Artikel über die Lebensbedingungen der Christen
in muslimischen Ländern. Die von einer Jesuitengruppe in Rom herausgegebene
"Civiltà " ist eine ganz besondere Publikation, da sie als inoffizieller
Kanal zur Lancierung vatikanischer Meinungen dient, die noch nicht an
die große Glocke gehängt werden sollen: Jeder ihrer Artikel wird nämlich
vor der Veröffentlichung vom Außenminister des Vatikans gegengelesen.
Durch dieses presti-geträchtige Magazin verurteilte also der Vatikan
mit ungewohnter Schärfe die Unterdrük-kung der Christen in den islamischen
Ländern. Die zentrale These des von Giuseppe De Rosa S.I. gezeichneten
Artikels "I cristiani nei paesi islamici" (Die Christen in den Ländern
des Islam | engl.
Version) lautete, daß "der Islam in seiner gesamten Geschichte ein
kriegerisches Eroberergesicht gezeigt" habe; daß "Europa für fast ein
Jahrtausend unter konstanter Bedrohung durch den Islam gestanden" habe,
und daß das, was von der christlichen Bevölkerung in den islamischen
Ländern übrig geblieben ist noch immer Opfer "andauernder Diskriminie-rung"
mit Episoden blutiger Verfolgung sei.
Nur drei Tage nach dieser Veröffentlichung setzte der Vatikan dann
auch ein offizielles Signal, als zur allgemeinen Überraschung Erzbischof
Michael Louis Fitzgerald, der Präsident des päpstlichen Rates für den
interreligiösen Dialog, nicht unter jenen Würdenträgern war, die am
21. Oktober 2003 in den Kardinalsrang erhoben wurden. Die gängige Erklärung
lautete, dies sei Fitzgeralds exzessiv sanftmütiger Haltung gegenüber
dem Islam geschuldet.
Der neue Papst Benedikt XVI. machte den vorsichtig eingeleiteten Kurswechsel
dann noch einmal mit seiner Weigerung deutlich, im August 2005 eine
Kölner Moschee zu besuchen. Statt dessen festigte er das Band zu den
Juden durch den Besuch einer Synagoge.
Im gleichen Herbst des vatikanischen Umsteuerns weckte auch evangelischerseits
die Wahl des Berliner Bischofs Wolfgang Huber zum Ratsvorsitzenden der
EKD am 5. November 2003 Hoffnungen bei all jenen, die in der unkritischen
Islamförderung durch die Kirchen ein Unglück für unser Land und insbesondere
für das Lebensglück zukünftiger Generationen sehen. Diese Hoffnungen
nährten sich nicht zuletzt aus dem Umstand, daß Huber in der Nachrüstungsdebatte
Anfang der 1980er Jahre zu den profiliertesten Kritikern einer Politik
gehörte, die unumkehrbare Weichenstellungen vornimmt, obwohl die Mehrheit
der Bevöl-kerung die Risiken eines solchen Kurses als zu hoch einschätzt
und fatale Zukunftsfolgen befürchtet. Der damalige Dozent für Sozialethik
an der Universität Marburg äußerte
1983 auf einem hochkarätig besetzten Symposium über Zivilen
Ungehorsam im Rechtsstaat: "Der Staat überschreitet die ihm gesetzte
Grenze, wenn er Entscheidungen zuläßt oder trifft, in deren Folge irreversible
Eingriffe in die Lebensmöglichkeiten künftiger Generationen vorgenommen
und deren Lebenschancen in unaufhebbarer Weise beeinträchtigt werden."
Die Parallelen zwischen damals und heute sind schlagend, auch wenn
sie unterschiedliche Ebenen betreffen:
War es in den 1980er Jahren das nackte physische Leben, welches durch
die Raktenstationierung bedroht war, so sehen heute viele durch die
fortschreitende Islam-Installation den geistig-kulturellen Fortbestand
des Gemeinwesens auf Basis seiner aus der Kulturentwicklung des christlichen
Abendlandes gewachsenen Identität bedroht. Nicht zuletzt ist es der
Bestand des aus jahrhundertelangen blutigen wie geistigen Kämpfen als
Erbe der Aufklärung gewachsenen demokratischen Verfassungsstaates,
der schleichend zur Disposition gestellt wird, indem häppchenweise Elemente
der Scharia ins deutsche Rechtssystem einsickern.
Nun sage niemand, durch die Islam-Installation sei ja "nur" Kultur und
Staatsordnung bedroht, bei der Raketenstationierung dagegen das biologische
Leben. Gerade die Fähigkeit, sich für "höhere", sowohl immaterielle
wie überindividuelle Werte einzusetzen gehört zu den nobelsten Unterscheidungsmerkmalen
von Mensch und Tier und macht wohl auch einen wesentlichen Unterschied
zwischen einem kultivierten und einem unkultivierten Geist aus. #
Aber vergleichen wir nur die Problematik des Mehrheitswillens: Die
öffentliche Debatte der Stationierungsgegner bezog ihre Legitimation
seinerzeit ganz entscheidend aus der mehr-heitlichen Ablehnung der Raketenstationierung
durch die deutsche Bevölkerung, nämlich "daß 75
Prozent der Bürger nach allen Meinungsumfragen diese Atomwaffen
ablehnen, die Regierung also in dieser Sachfrage keine Mehrheit hat".
Bezüglich der Islam-Installation sind exakte Zahlen nur indirekt zu
bekommen, da sie bezeichnenderweise ein Tabu
vor der Kenntnisnahme durch den mündigen Bürger schützt. Indirekt läßt
sich aber bei konservativer Schätzung davon ausgehen, daß die Ablehnung
hier noch deutlich höher liegt, nämlich bei ca. 90%. Einmal abgesehen
von dem schon genannten Befund, daß glatte 94% der repräsentativ Befragten
den Islam nicht als sympathisch einstuften, ist schon seit
1993 bekannt - dem ominösen Jahr, in welchem die Ablehnung
weiterer Zuwanderung erstmals die 50%-Marke überschritt, also Mehrheitskonsens
wurde -, daß 90% der Befragten schon damals den weiteren Zuzug von nicht-EU-Arbeitnehmern
eingeschränkt sehen wollten, womit wohl im Wesentlichen die muslimische
Zuwanderung gemeint war. Eine Allensbach-Studie
aus dem Jahre 2002, welche die überwältigende Ablehnung des rot-grünen
Zuwanderungsgesetzes durch die Bevölkerung dokumentierte, stellte fest,
daß "das
allgemeine Meinungsklima in der Bundesrepublik zum
Thema Zuwanderung ganz und gar ablehnend ist" , was viel mit der mangelnden
Integrationsbereitschaft der Muslime und ihrer tendenziellen Feindschaft
gegenüber "westlichen Werten" und Institutionen zu tun haben dürfte.
Mit anderen Worten: Die Situation ist bezüglich einer weiteren Installation
islamkonformer Lebensverhältnisse noch weitaus dramatischer als seinerzeit
bei der Raketenstationierung. Und obwohl die Regierung in dieser Sachfrage
noch viel weniger eine Mehrheit hat als damals, gibt es keinerlei Anzeichen
für einen einschneidenden
Kurswechsel, von massiven Protesten durch eine alarmierte Öffentlichkeit
ganz zu schweigen - ihr werden ja auch entscheidende Informationen gezielt
vorenthalten, statt eine ergebnisoffene Diskussion und Meinungsbildung
zu fördern.
Dieser Zustand kann dramatische Folgen zeitigen, von denen die vielbeschworene
Politikverdrossenheit noch eines der kleineren Übel ist. Viel schlimmer
ist die generell abnehmende Loyalität zum Gemeinwohl als Folge einer
gegen das Mehrheitsinteresse gerichteten Politik, die umso fatalere
Konsequenzen zeitigen muß, je stärker Sachfragen wie die muslimische
Zuwanderung unter ideologischen Vorgaben abgehandelt werden bei gleichzeitigem
Diskussionsverbot für die betroffene Bevölkerung, die gleichwohl deutlich
ahnt, was ihr hier blüht.
Fakt ist, daß die Deutschen mehrheitlich den Islam als fremd und bedrohlich
empfinden. Aus einem solchen Bedrohungsempfinden heraus wurde vor 25
Jahren die Frage des zivilen Ungehorsams und auch des Widerstandsrechts
nach Artikel 20 des Grundgesetzes gestellt. Der heutige Ratsvorsitzende
der EKD sah damals im zivilen Ungehorsam mit dem Ziel der Erhaltung
des Gemeinwesens "eine Form des aktiven Verfassungsschutzes".
Huber
begründete damals sogar eine ethische "Pflicht zum Ungehorsam",
wenn der Staat seine Grenze überschreitet und sich nicht mehr am Gemeinwohl
orientiert. Den Ernstfall für die ethische Berechtigung zivilen Ungehorsams
sah Huber dann gekommen, wenn "mit guten Gründen behauptet werden kann,
daß durch staatliche Entscheidungen schwere Gefahren für künftiges Leben
heraufbeschworen werden, wenn nicht eindeutig nachgewiesen werden kann,
daß diese staatlichen Maßnahmen unumgänglich sind, um weit größere Gefahren
zu vermeiden, und wenn die Opposition dagegen anders kein angemessenes
Gehör findet". Ähnlich sah dies seinerzeit auf dem gleichen Symposium
übrigens Jürgen Habermas,
als Gewissensentscheidung nämlich, in welcher nur noch "drastische Mittel"
zu Verfügung stehen, "um die Bereitschaft zur erneuten Beratung und
Willsensbildung über eine geltende Norm oder eine rechtskräftig beschlossene
Politik zu wecken und den Anstoß für die Revision einer [parlamentarischen]
Mehrheitsmeinung zu geben". Eine solche Norm könnte heute die gegen
den Willen der Bevölkerungsmehrheit erfolgte Weichenstellung in Richtung
einer sogenannten "multikulturellen" Gesellschaft sein, welche ohne
demokratische Willensbildung auf Druck der großen Koalition von Großindustrie
und kultureller Linker erfolgte.
*
Wer in der Wahl Bischof Hubers zum Ratsvorsitzenden der Evangelischen
Kirchen Deutschlands am 5. November 2003 ein hoffnungsfroh stimmendes
Zeichen sah, wurde nicht enttäuscht. Schon das erste Amtsjahr des neuen
Kirchenführers zeigte, daß er nicht bereit war, sich von den Islamfunktionären
länger an der Nase herumführen zu lassen und in dieser Frage auch mit
der katholischen Seite im Gespräch stand. So meldete die ZEIT
am 1. April 2004, drei Wochen nach den aus dem angeblich "wahren"
Islam begründeten Terroranschlägen von Madrid: "Die Oberhäupter der
beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland, Bischof Huber und
Kardinal Lehmann, sprechen in einem neuen Ton der Dringlichkeit von
einer 'Bringschuld des Islams', endlich die Bejahung von Rechtsstaat
und Demokratie ohne 'taktische Anpassungsmanöver' erkennbar zu machen."
Eine Woche später meldete der Evangelische Pressedienst, Huber vermisse
"ein positives Signal führender islamischer Geistlicher" für den Wert
jedes Menschenlebens. Im Augenblick sei nicht zu erkennen, dass das
Tötungsverbot gemeinsame Überzeugung aller monotheistischen Religionen
sei! Das war starker Tobak, der noch durch die Forderung ergänzt wurde,
man müsse endlich
den "Scheindialog" überwinden. Hiermit war ganz offenbar jene "groß
angelegte Veranstaltung der organisierten Täuschung" (Raddatz) namens
"Dialog mit dem Islam" gemeint, deren Katechismus aus der Betonung des
"Gemeinsamen" der Religionen, der Relativierung des Wahrheitsanspruchs
der christlichen Religion auf Basis einer generellen Fremdorientierung
sowie der Fiktion eines durch und durch toleranten Islam bestand bei
gleichzeitiger Sanktionierung logischer Einwände gegen dieses Konstrukt.
In einem am 22. November 2004 veröffentlichten FOCUS-Interview
definierte Huber dann die Grenzen des Dialogs mit dem Islam härter und
enger denn je. Zentrale Aussagen waren, "dass interreligiöse Schummelei
nicht mehr funktioniert", daß wir "als Christen keinen Grund (haben)
zu sagen, wir würden uns zum gleichen Gott wie die Muslime bekennen"
sowie die Forderung, jetzt die "eigene Verwurzelung im christlichen
Glauben zu klären und selbstbewußt öffentlich zu vertreten". Damit war
der gesamte bisherige "Dialog"-Katechismus infrage gestellt inklusive
seiner theologischen Zumutungen.
Ein Jahr später nahm die neue Linie eine feste, institutionalisierte
Form an, als die Synode der EKD Anfang November 2005 in Berlin mit dem
Schwerpunktthema "Tolerant aus Glauben" tagte, um sich als Hort des
Widerstandes gegen jeglichen Extremismus in der deutschen Gesellschaft
zu positionieren. Die Delegierten aus 23 Landeskrichen brachten in ihren
Diskussionsbeiträgen den deutlichen Wunsch nach einem Abschied vom alles
tolerierenden Freundschaftskonsens zwischen den Religionen zum Ausdruck,
eine unüberhörbar neue Botschaft in Richtung Islam. "Evangelische Kirche
verkündet Ende der unbegrenzten Toleranz - Scharfe Abgrenzung zum Islam
gefordert" titelte denn auch die WELT
am 11. November. Das mit 120 Laien und Theologen besetzte Kirchenparlament
nahm schließlich als das höchste beschlußfassende Organ für die 25,8
Millionen deutschen Protestanten einstimmig(!) eine "Kundgebung"
an, welche sich ausdrücklich gegen einen Toleranzbegriff wendet, der
zu einer unzulässigen Vermischung der Religionen und damit auch zu einer
Relativierung des christlichen Wahrheitsanspruchs führe: "Toleranz gedeiht
nur im Zutrauen zur Wahrheit Gottes und nicht in ihrer Relativierung.
Christinnen und Christen sind nicht tolerant, obwohl sie fest glauben,
sondern weil sie fest glauben", heißt es in der Kundgebung, und: "Die
Gewissheit der eigenen Identität ist die Grundlage einer gelingenden
Begegnung mit Andersdenkenden", zu welcher die "Profilierung der Unterschiede"
unverzichtbare Voraussetzung sei. Damit nahm ein halbes Jahr nach der
Wahl des deutschen Papstes Benedikt XVI. auch die Evangelische Kirche
in Deutschland den Kampf gegen den Relativismus auf, zu welchem Joseph
Ratzinger die katholischen Christen schon in seiner Funktion als oberster
Glaubenshüter aufgerufen hatte.
*
Die Diskussion der EKD-Synode eröffnet hatte der Ratsvorsitzende Bischof
Wolfgang Huber mit einem wegweisenden Referat, das auch auf ein zentrales
Mißverständnis der bisherigen Dialogpraxis hinwies. Immer deutlicher
zeige sich nämlich, so Huber, daß ein Toleranzverständnis nicht mehr
weiterführe, das in Anknüpfung an die Lessingsche Ringparabel die Konfrontation
mit der Wahrheitsfrage aus dem Dialog ausklammere. Was war damit gemeint?
Wegen der zentralen Bedeutung von Lessings "Nathan"
für die Ideologie des interreligiösen "Dialogs", lohnt ein genauerer
Blick auf jenes Bühnenstück, das wie kein anderer Beitrag der literarischen
Aufklärung in der Gegenwart wirksam ist.
"Nathan der Weise" - eine Ikone postmoderner Toleranz
Wann immer heute von Toleranz die Rede ist, tritt Lessings "Nathan"
unsichtbar in den Raum des Gesprächs. Lessing hatte seine Gedanken im
Zuge eines hohe Wellen schlagenden theologischen Streits mit dem Hamburger
Pastor Goeze entwickelt. Sein Kerngedanke war, daß ein "garstig breiter
Graben" die "zufälligen Geschichtswahrheiten" (wie die Offenbarungen
Heiliger Schriften) von den "notwendigen Vernunftwahrheiten" trennt.
Als seine Gegner ein zeitweiliges Verbot wissenschaftlicher Veröffentlichungen
erwirkten, gab Lessing ("Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten
Kanzel, auf dem Theater wenigstens, noch ungestört will predigen lassen")
eine literarische Antwort in Gestalt des "Nathan" (1779). Im Jahr darauf
faßte er seine Religionsphilosophie in der Abhandlung über "Die Erziehung
des Menschengeschlechts" zusammen: Die geschichtlichen Religionen sind
zeit- und kulturbedingte Läuterungsstufen der Menschheit auf dem Wege
der sittlichen Höherentwicklung zu einer allgemeinmenschlichen Vernunftreligion.
Nicht heilige Schriften sind das ursprüngliche Geschenk Gottes an den
Menschen, sondern die Vernunft, in welcher schon alle Voraussetzungen
einer "natürlichen" Religion enthalten sind, insbesondere das Vermögen,
Gut und Böse zu unterscheiden, weswegen am Ende des Läuterungsprozesses
der Menschheit "der Mensch das Gute tun wird, weil es das Gute ist",
und nicht, weil ihm irgendwelche Belohnungen im Diesseits oder Jenseits
in Aussicht stehen.
Diese Idee von der Gleichwertigkeit der Religionen und ihrer Funktion
als schließlich überflüssig werdendes Erziehungsmittel zur höheren Moralität
steht im Zentrum des "Nathan". Den Kern des Lehrgedichts stellt die
berühmte Ringparabel dar, welche die tiefe, gemeinsame Wahrheit der
drei Buchreligionen Judentum, Christentum und Islam versinnbildlichen
soll. Sultan Saladin hatte Nathan gefragt, welche der drei Religionen
ihm denn "am meisten eingeleuchtet" habe, da doch nur eine die wahre
sein könne. Darauf erzählt Nathan ein "Märchen":
In einem orientalischen Fürstenhaus wird seit
Generationen ein magischer Ring, der "vor Gott und Menschen angenehm
zu machen" vermag, vom Vater auf den Lieblingssohn vererbt, der damit
auch das Thronfolgerecht erlangt. Schließlich kommt der Ring auf einen
König, der sich nicht zwischen seinen drei ihm gleichlieben Söhnen
zu entscheiden vermag und in schwachen Stunden jedem von ihnen schon
einmal heimlich den Ring versprochen hat. Um sich vor einer endgültigen
Entscheidung zu drücken, läßt er zwei dem Original äußerlich derart
täuschend ähnliche Kopien herstellen, daß er selber nicht mehr weiß,
welcher der magische Ring ist. Als er seine Stunde kommen fühlt, ruft
er jeden Sohn einzeln zu sich, gibt jedem einen Ring und seinen Segen
und stirbt, ohne die Thronfolge geregelt zu haben. Jeder der drei
Prinzen glaubt sich nun zur Herrschaft berechtigt und es hebt ein
großes Gezanke an, als sie die Bescherung erkennen, denn "der rechte
Ring war nicht erweislich", und an Saladin gewendet fährt Nathan fort:
"fast so unerweislich, als uns itzt der rechte Glaube". Damit wird
auch dem Sultan die Bedeutung der drei Ringe in dem Märchen klar:
Jeder steht für eine der drei Religionen. Die Söhne verklagen sich
nun und ziehen vor den Richter. Der sieht, daß nach dem Augenschein
hier nichts zu entscheiden ist. Zugleich bemerkt er, daß die Wunderkraft,
beliebt zu machen, offenbar nicht existiert, da sonst einer der Prinzen
von seinen beiden Brüdern geliebt und so als Träger des echten Rings
erwiesen würde. Daraus schließt der Richter, daß keiner der drei Ringe
(=Religionen) der magische Ring ist. Der sei wahrscheinlich verloren
gegangen. Der Richter rät nun den Prinzen, so zu tun als ob: Jeder
hat ja seinen Ring vom Vater bekommen und "so glaube jeder sicher
seinen Ring den echten". Die magische Kraft des Ringes könne sich
dann im ethisch-religiösen Wettstreit erweisen:
"Es eifre jeder seiner unbestochnen,
von Vorurteilen freien Liebe nach!
Es strebe von euch jeder um die Wette,
die Kraft des Steins in seinem Ring an Tag
zu legen! komme dieser Kraft mit Sanftmut,
mit herzlicher Verträglichkeit, mit Wohltun,
mit innigster Ergebenheit in Gott zu Hilf!
Und wenn sich dann der Steine Kräfte
bei euern Kindes-Kindeskindern äußern:
So lad ich über tausend tausend Jahre
sie wiederum vor diesen Stuhl. Da wird
ein weisrer Mann auf diesem Stuhle sitzen,
als ich und sprechen."
Die Geschichte von den drei Ringen ist natürlich ein großartiger Schwindel,
sehr effektvoll und zur Täuschung leichtgläubiger Zeitgenossen bestens
geeignet, aber darum eben doch ein Taschenspielertrick, der dem staunenden
Publiko ein X für ein U vormacht. Der Trick besteht darin, daß der echte
Ring unbemerkt in die Tasche des Zauberkünstlers wandert, der dann -
"Simsalabim" - drei gleich aussehende Replikate produziert und behauptet,
man müsse nur fest genug an die Wunderkraft glauben und Gutes tun, dann
würden sich alle drei ("Und wenn sich dann der Steine
Kräfte bei euern Kindes-Kindeskindern äußern") in echte Zauberringe
verwandeln. Das erinnert an moderne Mentalakrobatik nach dem Motto "Erfolg
durch positives Denken" - was übrigens schon bei dem notorisch hochverschuldeten
Spieler Lessing nicht funktioniert hat...
Der auf Lessings Ringparabel fußende Toleranzbegriff hat als entscheidende
Voraussetzung die Auffassung einer inneren Wertlosigkeit der Religionen.
Das macht die Parabel so wertvoll für jene Art interreligiösen "Dialog",
welcher den absoluten Wahrheitsanspruch des Islam großzügig toleriert
und den des Christentums bescheiden relativiert. Welche Rolle diese
Sicht auf die Wahrheitsfrage für die am "Dialog" teilnehmenden Muslime
spielt, wird noch zu erörtern sein. Bei Lessing jedenfalls ist der echte
Ring (="wahrer" Glauben) verloren gegangen, alle drei zur Entscheidung
stehenden Religionen (Ringe) sind gleichwertig - und zwar vor allem:
gleich wertlos. Sie besitzen nicht aus sich heraus die "vor Gott und
Menschen angenehm" machende Kraft, vielmehr muß diese erst von außen
in sie hineinprojiziert werden. Eine über die Empfehlungen zur ethischen
Lebensführung hinausgehende innere Wahrheit einer bestimmten Religion
gibt es nicht, und der Erweis eines Vorzugs der einen vor der anderen
wird als Endresultat des ethisch-religiösen Wettstreits auf Erden auf
den Sanktnimmerleinstag vertagt, ans buchstäbliche Ende der Geschichte.
In dieser Art höherer Empirie drückt sich die der Aufklärung wesentliche
Ansicht aus, daß der eigentliche Wesenskern jeder Religion - die Offenbarung
einer "höheren" Wahrheit - bloß eine zeitbedingte, innerhalb einer bestimmten
Kultur erwachsene Phantasmagorie sei, "an sich zufällig" und den notwendigen
Vernunftwahrheiten "außerwesentlich" (Kant ). Religiöser Glaube ist
aus dieser Sicht keine Heilslehre, welcher eine (allein-) "seligmachende"
Kraft innewohnt, wie sie die großen Religionen als Wege zur Erlösung
anbieten, sondern reduziert sich wie bei Lessing auf bloße Moralität,
die als Volksausgabe von Kants kategorischem Imperativ etwa lautet:
"Was Du nicht willst, das man Dir tu', das füg auch keinem andern zu".
Als gemeinsame Schnittmenge auf dem Gebiete der Ethik schrumpft dan
das "Gemeinsame der Religionen" auf ihren kleinsten gemeinsamen Nenner
zusammen, der zugleich Religion überflüssig macht, denn das Vermögen,
Gut und Böse zu unterscheiden als Ausgangspunkt aller Moral ist nach
aufklärerischer Auffassung dem Menschen ja schon Kraft seiner Vernunft
in die Wiege gelegt. "Es rettet uns kein höheres Wesen" kann denn auch
als Kerngedanke aufklärerischen Geistes in Bezug auf die Religion angesehen
werden.
"Uns aus dem Elend zu erlösen, können wir nur selber tun!" - Auch diese
in der Hymne des internationalen Proletariats zum Ausdruck gebrachte
Hoffnung auf eine Selbsterlösung des Menschen und der Menschheit war
unmittelbarer Ausfluß des aufklärerischen Vernunftoptimismus, der sich
- die alte Metaphysik über Bord werfend - in kruder Faktengläubigkeit
und technischem Machbarkeitswahn als Kennzeichen
des neuzeitlichen Geistes niederschlug und schließlich
in den Neuglauben an eine "ingenieurmäßige" Konstruierbarkeit von Mensch
und Gesellschaft ohne jeden Gottesbezug mündete. Der Glaube an Gott
wurde in der liberalen Theorie durch den Glauben an die "unsichtbare
Hand" des Marktes abgelöst, welche im Gewährenlassen des freien Spiels
der Kräfte Wohlstand für alle Menschen und Nationen hervorbringen würde.
Was in der harten Wirklichkeit dann entstand, war aber nur ein gnadenloser
Kampf ums Dasein mit nie zuvor gekanntem Massenelend. Die Hoffnungen,
die sich nach diesem Fehlschlag auf neue menschengemachte Heilslehren
wie Kommunismus und Faschismus richteten, wurden genauso bitter enttäuscht
und mit Hekatomben von Opfern bezahlt. Am vorläufigen Ende dieser Entwicklung
steht heute ein neuer Skeptizismus, der selbst die alten Ideale von
Freiheit, Gleichheit und individueller Selbstverwirklichung kritisch
hinterfragt, weil die säkularen Ansätze zur kollektiven Sinnstiftung
versagt zu haben scheinen, auch die Idee der Nation. Ergebnis ist eine
große Ratlosigkeit - und die "Wiederkehr der Religionen" am Beginn des
21. Jahrhunderts.
In diesem Zusammenhang, wo Religion wieder als eine realistische Option
erscheint und man genauer hinschaut, wird dann auch die Behauptung von
den tiefen Gemeinsamkeiten der Religionen mit einmal fragwürdig. Es
komme viel mehr darauf an, hört man nun etwa, daß im Sinne von Michael
Walzers "Zivilisierung der Differenz" die verschiedenen Religionen die
Andersartigkeit der "konkurrierenden Religionen" respektieren müßten.
Mit anderen Worten: Die Ablehnungskomponente als integrales Wesensmerkmal
von Toleranz (s.S. #) muß zunächst herausgearbeitet werden, um überhaupt
feststellen zu können, ob der Schritt zur "qualifizierten Akzeptanz"
des eigentlich Abgelehnten vollzogen werden kann, woraus dann erst echte
Toleranz entstehen kann. Bedingung hierfür ist Wechselseitigkeit, daß
also auch die "Gegenseite" meiner Religion einen Wert beimißt, und zwar
derart, daß sie nicht nur davon absieht, diese zu verfolgen, sondern
vielmehr das Gedeihen dieser anderen Lebensweise aus Respekt vor deren
Wert und universalen Heilswirksamkeit fördert. Das ist die Grundbedingung
von religiösem Pluralismus, und jeder interreligiöse
Dialog ist ohne Erfüllung dieser Voraussetzung sinnlos.
*
Einer der ersten evangelischen Kirchenführer, der in diesem Sinne beherzt
an die Öffentlichkeit trat, war der hessen-nassauische Kirchenpräsident
Peter Steinacker. In einem Vortrag
über "Christentum und Islam" wandte er sich im Mai 2003 gegen einen
allzu simplen Toleranzbegriff. Ein den Pluralismus ernst nehmendes Konzept
des christlich-islamischen Dialogs solle nicht nach Gleichem suchen,
sondern die Differenzen der Religionen betonen und sogar jeder Religion
ihren alleinigen Anspruch auf die Wahrheit zuerkennen. Erstmals tauchte
hier auch von maßgeblicher protestantischer Seite Kritik an dem auf
Lessing fußenden Toleranzmodell auf, nach welchem der Kern aller Religionen
das Streben nach Liebe sei und die Unterschiede als "nur" kulturell
bedingt vernachlässigbar seien. Ein wesentlicher Anspruch jeder Religion
sei der auf das Wahrheitsmonopol, erklärte Bischof Steinacker, weswegen
Lessings Toleranzkonzept mit dem Pluralismus liberaler Gesellschaften
nicht vereinbar sei, denn: Toleranz bedeutet nicht die Verwischung von
Unterschieden, sondern das "Erdulden" von etwas, was man mit guten Gründen
ablehnt. Es komme also darauf an, daß die Religionen die Andersartigkeit
der "konkurrierenden Religionen" respektierten.
Diesen Gedankenfaden griff Bischof Huber
im Herbst 2005 auf, als er als oberster Repräsentant der evangelischen
Christen in Deutschland bewußt gegen den Zeitgeiststachel löckend die
provozierende Frage stellte, "ob Lessing wirklich einen weiterführenden
oder gar für die Gegenwart tragfähigen Beitrag zum Toleranzproblem geleistet
hat". Ist das Bild der drei Ringe, unter denen der wahre (=Glaube) sich
nicht mehr finden lässt, "wirklich ein überzeugendes Modell von Toleranz?"
- oder spiegelt es bloß, so ließe sich ergänzend fragen, den modernen
Glaubensverlust wider? Kann vom christlichen Standpunkt aus überhaupt
noch von Toleranz gesprochen werden, wenn nach der Wahrheit der Religion
gar nicht mehr gefragt wird, ja die Frage selbst sich erübrigt? Es ist
leicht, das Ertragen einer fremden Glaubensüberzeugung zu fordern, wenn
man selbst keine solche Überzeugung mehr hat.
Huber spinnt den von Steinacker aufgenommenen Faden fort, indem er
das Toleranzproblem aus evangelischer Perspektive theologisch beleuchtet:
Aus dieser Sicht muß Toleranz gegenüber fremden Glaubensüberzeugungen
in eigener Glaubensgewissheit gründen, um deretwillen der Mitmensch
als Nächster geachtet und in seiner abweichenden Glaubensüberzeugung
respektiert wird.
"Reformatorisch geprägter Glaube stützt sich dafür auf eine göttlich
zugesprochene Anerkennung der menschlichen Person, die unabhängig
von ihren Taten und damit auch von ihren Überzeugungen gilt. Denn
diese göttliche Anerkennung beruht gerade nicht auf den von Menschen
erbrachten Leistungen, sondern auf einer göttlichen Toleranz, die
den gottlosen Menschen 'erträgt' und als von Gott geliebtes Geschöpf
annimmt."
Damit ist ein starker theologischer Pflock in gut lutherischen Boden
geschlagen. Ähnlich, wie der Mensch nach evangelischem Verständnis
die Gnade Gottes allein aufgrund seines Glaubens als Geschenk und nicht
als Gegenleistung für eine zuvor erbrachte Leistung empfängt (fromme
Werke, Ablässe, Sakramente usw., s.S. #), ähnlich erfährt der Mensch
die Toleranz Gottes, als Geschenk
ohne Vorleistung:
"Denn nach evangelischem Verständnis hat die weltliche Toleranz
ihren Ursprung in der Vorstellung von der 'Toleranz Gottes'. Damit
ist gemeint, dass Gott den Menschen, der sich in seiner Gottlosigkeit
von ihm abgewandt hat, gleichwohl 'erträgt', ihn also nicht seiner
Gottlosigkeit überlässt. Da es niemanden gibt, der von dieser göttlichen
Toleranz ausgeschlossen wäre, kennt der christliche Glaube einen genuinen
Zugang zur Toleranz, der darin gründet, dass jeder Mensch – unabhängig
von seinen subjektiven Voraussetzungen, also auch von den Voraussetzungen
seines persönlichen Bekenntnisses – im Wirkungsbereich der göttlichen
Liebe lebt."
Damit ist unsere weltliche Toleranz (nach evangelischem Verständnis)
auf unsere eigene Glaubensgewissheit angewiesen [#]. Ein wichtiger Aspekt
der Toleranz Gottes ist, daß sie die Freiheit des Christenmenschen überhaupt
erst ermöglicht, die unweigerlich zu schuldhafter Verstrickung, daraus
resultierendem Leiden und generell Irrtum führt, welcher der Grundgegenstand
von Toleranz ist. Der gekreuzigte Sohn Gottes, der sein Leben hingibt
für die Sünden der Welt ist so das fleischgewordene Symbol der göttlichen
Toleranz.
Bischof Huber weist noch auf die Folgen des christlichen Toleranzverständnisses
hin für die Art und Weise, in welcher der Dialog mit dem Islam zu praktizieren
wäre (Religionsfreiheit und Toleranz, a.a.O.): Wenn Toleranz nämlich
auf die eigene Glaubens- und damit Wahrheitsgewissheit angewiesen ist,
"dann kann sie sich gerade nicht in einer Suspendierung der Wahrheitsfrage
Ausdruck verschaffen, sondern sie muss sich auch im Streit um die Wahrheit
bewähren." Sonst hätten wir es nicht mit Toleranz, sondern Gleich-Gültigkeit
zu tun. Eine der wichtigsten Folgen ist dann, daß Religion eben gerade
nicht auf Moralität reduziert werden kann, "vielmehr muss gerade im
Verhältnis zwischen den Religionen die Gottesfrage in ihrer konstitutiven
Bedeutung zur Sprache kommen." In diesem Sinne auch Joseph
Ratzinger: "Wir würden Christentum in Moralismus auflösen,
wenn nicht eine Botschaft sichtbar würde, die über unser eigenes Tun
hinausgeht."
Bevor wir die Frage erörtern, wie auf der Grundlage des vorher Gesagten
ein sinnvoller Dialog praktisch aussehen müßte, sei noch ein Blick auf
die katholische Seite geworfen, die über lange Jahre nicht weniger blauäugig
mit dem Islam umgegangen ist.
FORTSETZUNG: Die katholische Perspektive
© Stefan
Etzel 2006
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